Baugeschichte des Klosters

Das ehemalige Kloster Haydau, das im 13. Jahrhundert auf einem flachen Südhang zwischen dem Dorf Altmorschen und der Fulda einige Kilometer südlich von Melsungen entstand, präsentiert sich heute als große vierflügelige Anlage umgeben von einer nach landgräflichen Plänen wiederhergestellten Parkanlage und einer langgestreckten Flucht jahrhundertealter Wirtschaftsgebäude.

Das von der Mitte des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts errichtete Bauwerk blieb unter den 13 für Hessen überlieferten Gründungen von Zisterzienser-Nonnenklöstern am besten erhalten. Unter den wenigen in Hessen überhaupt noch vorhandenen mittelalterlichen Klöstern vermittelt der Komplex mit Kreuzgang und der Saalkirche aus dem späten 13. Jahrhundert noch den Eindruck der geschlossenen Anlage in eindrucksvoller Weise.

Nach der Reformation nahm der hessische Landgraf Philipp das Gebäude in Besitz. Im 17. Jahrhundert wurde das Klostergebäude von den Landgrafen Moritz und Karl von Hessen-Kassel zum landgräflichen Schloss mit Wirtschaftshof und herrschaftlichem Garten umgebaut. Der klösterliche Grundriss blieb dabei bestehen, sodass Haydau in seinen umfangreichen und für seine wesentlichen Bauphasen dichten Zeugnisbestand als Kulturdenkmal von hohem Rang einzuschätzen ist.

Als Schlossbau der Spätrenaissance besitzt die Anlage für das heutige Gebiet des Landes Hessen herausragende Bedeutung. Besonders hervorzuheben ist hier die Bemalung der hölzernen Tonnendecke des Engelsaales. Daneben gibt eine Vielzahl konstruktiver und gestalterischer Details Einblick in Bautechnik und höfische Wohnkultur des 17. und 18. Jahrhunderts. Der in Terrassen angelegte sogenannte Klosterpark mit der von einer Aussichtsnische durchbrochenen Abschlussmauer gegen das Fuldatal entstand in der heutigen Form zusammen mit der Orangerie und dem Herrenhaus um 1695 unter Landgraf Karl.

Ab 1830 nutzte man Schloss und Wirtschaftsgebäude als Domäne (wirtschaftlicher Betrieb). Der Westflügel des Schlosses wurde Stall und Fruchtspeicher. Ende des 19. Jahrhunderts trug man ein Geschoss wegen Baufälligkeit ab. In diese Zeit fällt auch die Einrichtung einer Molkerei im Südflügel, deren Maschinen im Refektorium standen; im Stockwerk darüber lagen Wohnräume. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Domäne aufgelöst und die Räume als Arbeitsdienstlager, danach als Sozialwohnungen und auch als gewerbliche Räume genutzt. August Heinzerling produzierte hier beispielsweise den Rührfix, dem bald eine neue Sonderausstellung im Kloster gewidmet wird. Im Engelsaal des Südflügels entstanden Fabrikationsräume.

Die Anlage stand bis zum Beginn der ersten Voruntersuchungen 1980 einige Jahre leer. Unterlassene Bauunterhaltung infolge wenig angemessener und schließlich gänzlich fehlender Nutzung des Klosterkomplexes führten zu einer rapide fortschreitenden Verschlechterung des Zustandes. Angesichts der akuten Gefährdung des Gebäudes wurde nach dem Scheitern privater Projekte Ende des Jahres 1985 die Entscheidung getroffen, den Komplex zu sichern, zu sanieren und eine für das Kulturdenkmal verträgliche Nutzung zu finden, die auch den Zugang für die Öffentlichkeit ermöglicht. Nach den bereits vor Beginn der Maßnahme 1980 gewonnenen Erkenntnissen über die Bedeutung der Anlage und die Problematik einer Sanierung durch private Nutzer, blieb die Entscheidung des Landes Hessen für dieses Modell der letzte Ausweg zur Rettung des Kulturdenkmals.

Im Sinne der Zielsetzung der modellhaften Sicherung, Sanierung und Erhaltung der Anlage als Quelle und Zeugnis ihrer eigenen Geschichte und der Geschichte des Ortes wurden als Grundlage für eine schonende Sanierungs- und Nutzungskonzeption umfangreiche Vorarbeiten durchgeführt: neben Untersuchungen durch Archäologen, Bauhistoriker und Restauratoren fanden Begutachtungen des Baugrundes, der Konstruktion, der bauphysikalischen und bauchemischen sowie bauklimatischen Bedingungen statt. Anhand der Ergebnisse wurden Sanierungs-, Restaurierungs- und Nutzungskonzeption in regelmäßiger Abstimmung mit den beteiligten Fachdisziplinen unter der Federführung des mit der Planung und Bauleitung beauftragten Staatsbauamtes Arolsen erarbeitet.

Die Erhaltung der historischen Substanz hat bei Eingriffen in den Bestand Vorrang. Diesem Grundsatz sind alle konservatorischen Maßnahmen verpflichtet. Ihr Ziel ist es, dem Zerfall der Denkmalsubstanz entgegen zu wirken, ohne sie dabei wesentlich zu verändern. Das schließt die Bewahrung jüngerer Zeitschichten ein, die für die geschichtliche Entwicklung eines Denkmals prägend sind.

(Vereinigung der Landesdenkmalpfleger c/o Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Leitbild Denkmalpflege. Zur Standortbestimmung der Denkmalpflege heute, Wiesbaden ²2016, S. 38)

Das denkmalpflegerische Grundkonzept ist also das Bestehenlassen des Nebeneinanders baulicher Zeugnisse aus allen Epochen und nicht die rekonstruierende Wiederherstellung eines einzelnen Zeitpunkts wie im Fall von Haydau des mittelalterlichen Klosters oder des frühneuzeitlichen Landgrafenschlosses.

Auf umfangreichere aus wissenschaftlichem Interesse in Hinsicht auf die ungeklärte Vorgeschichte der Anlage und ihre bewegte Baugeschichte naheliegende Grabungen und umfassende Untersuchungen der Bauforschung wurde im Sinne einer weitestgehenden Schonung des Bauwerks verzichtet. Alle Untersuchungen waren auf die zur Sanierung wichtigen Fragen und auf diejenigen Bereiche, in denen Veränderungen unvermeidlich erscheinen, beschränkt.

Beispiele:

  • Für eine bauwerksschonende Stabilisierung von Teilen der aus dem Lot gewichenen Arkadenmauern des Kreuzgangs wurden eine Reihe von Modellen entwickelt, aus denen schließlich die Variante der Verspannung von Mauern und Strebpfeilern mit Glasfaser-Verbundankern gewählt wurden, da sie ohne Ankerplatten an den Außenseilen auskommt, keine thermischen Spannungen verursacht, nur sehr dünne Bohrungen erfordert und außerdem korrosionsbeständig und reversibel ist.
  • Vernadelungen und Verpressungen mit eigens entwickelten zementfreien Mörteln, die zusammen mit den gipshaltigen Mörteln des Gebäudes nicht zur Bildung von steinsprengenden Treibmaterialien führen durften, wurden auch an den Mauerflächen aller Flügel vorgenommen. Das Auseinanderweichen von Mauerschalen und hohl liegenden älteren Ausflickungen machten diese Maßnahmen unumgänglich.
  • Ursprünglich sollte der überlieferte Plattenbelag von 1620 in den Kreuzgängen lediglich ergänzt werden. Hohe Schadsalzbelastungen der Mauern und aufsteigende Feuchte machten jedoch den Einbau einer sogenannten Temperierung notwendig, die – unter den Platten verlegt mit Warmluftaustrittsschlitzen am Rand zum angrenzenden Mauerwerk hin – den Feuchtigkeits- und damit den Schadsalztransport zum Stillstand bringen, zumindest aber reduzieren soll. Allerdings mussten dafür die Platten gehoben und darunter in die archäologisch bedeutsamen Schichten aus der Zeit der Klosternutzung eingegriffen werden.

Für diese und etliche weitere Baumaßnahmen wurden baubegleitende bauhistorische Untersuchungen durchgeführt und eine Dokumentation angefertigt. In Gegenwart und Zukunft durchgeführte Projekte zur Bauinstandhaltung werden ebenfalls dokumentiert und zur späteren Einsicht archiviert.

Nachdem die Deutsche Stiftung Denkmalschutz eine Unterstiftung Kloster Haydau gegründet hatte, die die Kosten für die Unterhaltung des Klosters aufbringen sollte, wurde im Januar 1990 ein Förderverein Kloster Haydau zur Betreuung und Nutzung des Gebäudekomplexes gebildet. Mit diesem wird seither eine denkmalgerechte Nutzungskonzeption abgestimmt; die Ausführungsplanung des ersten Nutzungskonzeptes wurde in den 1990 vom Staatsbauamt Arolsen in Verbindung mit den erforderlichen Sonderingenieuren und dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen erarbeitet. Der Förderverein Kloster Haydau pachtet das Klostergebäude von der Gemeinde Morschen, die Eigentümerin ist. Im Oktober 2011 wurde das Stiftungsvermögen der Unterstiftung der Deutsche Stiftung Denkmalschutz auf eine eigenständige Stiftung Kloster Haydau übertragen.

Neben der Darstellung des Klosters als ein Besichtigungsobjekt sind auch Räume zur Ausstellung der Sanierungsdokumentation, der Ergebnisse der Bauforschung sowie der wichtigsten Funde der archäologischen Grabungen eingerichtet worden. Eine umfangreiche baubegleitende Ausstellung informiert im Kreuzgang des Westflügels über die Bau- und Nutzungsgeschichte und über verschiedene Aspekte der Sanierung. Da diese Ausstellung während der Bauarbeiten in den 1980er und 1990er Jahren entstand, ist sie nach der damals gültigen Rechtschreibung verfasst. Interessierte können sich inhaltlich trotzdem weiterhin korrekt informieren. Eine Überarbeitung der Informationstafeln ist vom Förderverein Kloster Haydau angestrebt. Die Räume des Klosters werden für Tagungen, Kunstausstellungen, für Musik-, Theater-, Vortrags- und Festveranstaltungen genutzt und können für private Zwecke angemietet werden. Dafür wurden notwendige Einrichtungen wie Versammlungsräume, Wärmeküche, Garderoben, Toiletten- und Nebenräume geschaffen. Gemäß der Zielausrichtung „Kultur und Kommunikation“ soll das Kloster Haydau unter der Berücksichtigung Aspekte des Denkmalschutzes vielen Nutzungen offenstehen.

Autor & Verfassungsdatum: Bauforschung Gross, Berlin/ IBD, Marburg; Mai 1998.
überarbeitet vom Förderverein im Mai 2020.

Mehr Informationen zur Baugeschichte des Klosters in:
Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Kloster, Schloss und Domäne Heydau. Baugeschichte, Sanierungskonzept, Wiederherstellung (Arbeitshefte des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen 1), Stuttgart 2002.