Baugeschichte des Klosters

Das ehemalige Kloster Haydau, das vor 700 Jahren auf einem flachen Südhang zwischen dem Dorf Altmorschen und der Fulda einige Kilometer südlich von Melsungen entstand, präsentiert sich heute als große vierflügelige Anlage umgeben von Teilen einer landgräflichen Parkanlage und einer langgestreckten Flucht jahrhundertealter Wirtschaftsgebäude.

Von der Mitte des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts errichtet als Zisterzienser-Nonnenkloster in der Mitte des 16. und im 17. Jahrhundert umgebaut zum landgräflichen Schloß mit Wirtschaftshof und herrschaftlichem Garten ist Haydau in seinen umfangreichen und für seine wesentlichen Bauphasen dichten Zeugnisbestand als Kulturdenkmal von hohem Rang einzuschätzen.
 
Der Baubestand des 13. und 14. Jahrhunderts blieb unter den 13 für Hessen überlieferten Gründungen von Zisterzienser-Nonnenklöstern am besten erhalten. Unter den wenigen in Hessen überhaupt noch vorhandenen mittelalterlichen Klöstern vemittelt der Komplex mit Kreuzgang und der Saalkirche aus dem späten 13. Jahrhundert noch den Eindruck der geschlossenen Anlage in eindrucksvoller Weise. Nach der Reformation nahmen die hessischen Landgrafen das Gebäude in Besitz. Als Schlossbau der Spätrenaissance besitzt die Anlage in ihrer Ausprägung durch den zu Beginn des 17. Jahrhunderts ausgeführten Um- und Ausbau unter Landgraf Moritz für das heutige Gebiet des Landes Hessen herausragende Bedeutung. Besonders hervorzuheben ist hier die Bemalung der hölzernen Tonnendecke des Engelsaales. Daneben gibt eine Vielzahl konstruktiver und gestalterischer Details Einblick in Bautechnik und höfische Wohnkultur des 17. und 18. Jahrhunderts.
 
Der in Terrassen angelegte sogenannte Klosterpark mit der von einer Aussichtsnische durchbrochenen Abschlussmauer gegen das Fuldatal entstand in der heutigen Form zusammen mit der Orangerie und dem Herrenhaus - der heutigen Gemeindeverwaltung - um 1695 unter Landgraf Karl.
 
Ab 1830 nutzte man Schloss und Wirtschaftsgebäude - die ihre heutige Prägung ebenfalls in der Zeit des großen Umbaues zu Anfang des 17. Jahrhunderts erhielten - als Domäne. Der Westflügel des Schlosses wurde nun Stall und Fruchtspeicher. 1890 trug man ein Geschoss wegen Baufälligkeit ab. In diese Zeit fällt auch die Einrichtung einer Molkerei im Südflügel deren Maschinen im Refektorium standen; im Geschoss darüber lagen Wohnräume. In den 30er Jahren unseres Jahrhunderts wurde die Domäne aufgelöst und die Räume als Arbeitsdienstlager; danach als Sozialwohnungen und auch als gewerbliche Räume genutzt. Im Engelsaal des Südflügels entstanden Fabrikationsräume.
 
Die Anlage stand bis zum Beginn der ersten Voruntersuchungen 1980 einige Jahre leer. Unterlassene Bauunterhaltung infolge wenig angemessener und schließlich gänzlich fehlender Nutzung des Kosterkomplexes führten zu einer rapide fortschreitenden Verschlechterung des Zustandes.
 
Angesichts der akuten Gefährdung des Gebäudes wurde nach dem Scheitern privater Projekte Ende des Jahres 1985 die Entscheidung getroffen, den Komplex zu sichern, zu sanieren und eine für das Kulturdenkmal verträgliche Nutzung zu finden, die auch den Zugang für die Öffentlichkeit ermöglicht. Nach den bereits vor Beginn der Maßnahme 1980 gewonnenen Erkenntnissen über die Bedeutung der Anlage und die Ploblematik einer Sanierung durch private Nutzer blieb die Entscheidung des Landes Hessen für dieses Modell der letzte, nicht mehr aufschiebbare Ausweg zur Rettung des Kulturdenkmals.
 
Im Sinne der Zielsetzung der modellhaften Sicherung, Sanierung und Erhaltung der Anlage als Quelle und Zeugnis ihrer eigenen Geschichte und der Geschichte des Ortes wurden als Grundlage für eine schonende Sanierungs- und Nutzungskonzeption umfangreiche Vorarbeiten durchgeführt: neben Untersuchungen durch Archäologen, Bauhistoriker und Restauratoren fanden Begutachtungen des Baugrundes, der Konstruktion, der bauphysikalischen und bauchemischen sowie bauklimatischen Bedingungen statt. Anhand der Ergebnisse wurden Sanierungs-, Restaurierungs- und Nutzungskonzeption in regelmäßiger Abstimmung mit den beteiligten Fachdisziplinen unter der Federführung des mit der Planung und Bauleitung beauftragten Staatsbauamtes Arolsen erarbeitet.
 
Das denkmalpflegerische Grundkonzept ist das Bestehenlassen des Nebeneinanders baulicher Zeugnisse aus allen Epochen und nicht die rekonstruierende Wiederherstellung des Landgrafenschlosses.
 
Auf umfangreichere aus wissenschaftlichem Interesse in Hinsicht auf die ungeklärte Vorgeschichte der Anlage und ihre bewegte Baugeschichte naheliegende Grabungen und umfassende Untersuchungen der Bauforschung wird im Sinne einer weitestgehenden Schonung des Bauwerks verzichtet. Alle Untersuchungen sind auf die zur Sanierung wichtigen Fragen und auf diejenigen Bereiche, in denen Veränderungen unvermeidlich erscheinen, beschränkt. Für etliche Baumaßnahmen wird außerdem eine baubegleitende bauhistorische Untersuchung und Dokumentation durchgeführt. Veränderungen der Sanierungskonzepte, die in Teilbereichen neue Lösungen erfordern könnten, werden offengehalten .
 
So wurden z.B. für eine bauwerksschonende Stabilisierung von Teilen der aus dem Lot gewichenen Arkadenmauern des Kreuzgangs eine Reihe von Modellen entwickelt aus denen schließlich die Variante der Verspannung von Mauern und Strebpfeilern mit Glasfaser-Verbundankern gewählt wurden, da sie ohne Ankerplatten an den Außenseilen auskommt, keine thermischen Spannungen verursacht, nur sehr dünne Bohrungen erfordert und außerdem korrosionsbeständig und reversibel ist.
 
Vernadelungen und Verpressungen mit eigens entwickelten zementfreien Mörteln, die zusammen mit den gipshaltigen Mörteln des Gebäudes nicht zur Bildung von steinsprengenden Treibmaterialien führen durften, wurden auch an den Mauerflächen aller Flügel vorgenommen. Das Auseinanderweichen von Mauerschalen und hohl liegenden älteren Ausflickungen machten diese Maßnahmen unumgänglich.
 
Ursprünglich sollte der überlieferte Plattenbelag von 1620 in den Kreuzgängen lediglich ergänzt werden. Hohe Schadsalzbelastungen der Mauern und aufsteigende Feuchte machten jedoch den Einbau einer sogenannten Temperierung notwendig, die - unter den Platten verlegt mit Warmluftaustrittsschlitzen am Rand zum angrenzenden Mauerwerk hin - den Feuchtigkeits- und damit den Schadsalztransport zum Stillstand bringen, zumindest aber reduzieren soll. Allerdings mussten dafür die Platten gehoben und darunter in die archäologisch bedeutsamen Schichten aus der Zeit der Klosternutzung eingegriffen werden.
 
Nachdem die Deutsche Stiftung Denkmalschutz eine Unterstiftung Kloster Haydau, Morschen, gegründet hat, die die Kosten für die Unterhaltung des Klosters aufbringen soll, wurde im Januar 1990 ein Förderverein zur Betreuung und Nutzung des Gebäudekomplexes gebildet, mit dem seither eine denkmalgerechte Nutzungskonzeption erarbeitet worden ist. Neben der Darstellung des Klosters als ein Besichtigungsobjekt sollen auch Räume zur Ausstellung der Sanierungsdokumentation der Ergebnisse der Bauforschung sowie der wichtigsten Funde der archäologischen Grabungen eingerichtet werden. Weiterhin sollen Räume für Tagungen, Wechselausstellungen, für Musik-, Theater-, Vortrags- und Festveranstaltungen sowie für Gemeinde und Kirche zur Verfügung gestellt werden. Dafür sind im Westflügel schon ein Teil der notwendigen Einrichtungen wie Versammlungsräume, Wärmeküche, Garderoben und Nebenräume sowie eine Hausmeisterwohnung geschaffen worden. Es sollen möglichst viele Nutzungsinitiativen entwickelt werden, die das Baudenkmal allerdings nicht beeinträchtigen dürfen.
 
Das Planungskonzept wurde mit dem Förderverein abgestimmt und die Ausführungsplanung vom Staatsbauamt Arolsen in Verbindung mit den erforderlichen Sonderingenieuren und dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen erarbeitet.
 
Eine umfangreiche baubegleitende Ausstellung informiert im Kreuzgang des Westflügels über die Bau- und Nutzungsgeschichte und über verschiedene Aspekte der Sanierung.
 
Bauforschung Gross, Berlin/ IBD, Marburg; Mai 1998